Beifußblättrige Ambrosie

Beifußblättrige Ambrosie

Ambrosia artemisiifolia

Ambrosie

Ambrosia artemisiifolia, die Beifußblättrige Ambrosie – kein Grund zur Panik!
Nach dem Riesen-Bärenklau rückt im Moment dieser pflanzliche Neubürger aus dem Nordosten der USA verstärkt in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Ähnlich wie der Bärenklau kann die stark mit Drüsenhaaren besetzte Beifußblättrige, Aufrechte oder Beifuß-Ambrosie (auch Traubenkraut) Kontaktallergien auslösen. Hauptgrund für eine derzeitige Negativ-Popularität dieser Pflanze ist jedoch eine Allergien auslösende Wirkung der Pollen. In zahlreichen Zeitungsartikeln und Online-Informationsseiten zu diesem Thema wird die Medizinerin Heidrun Behrendt vom Zentrum Allergie und Umwelt der TU München zitiert: „Die Beifuß-Ambrosie verfügt über die weltweit aggressivsten Pollen“. Weiterhin wird angegeben, dass mehr als 85 % der auf die Ambrosie reagierenden Allergiker eine Rhinokonjunktivitis (gleichzeitige Nasenschleimhaut- und Bindehautentzündung, der bekannte Heuschnupfen) bekämen und sich bei 42 % die Allergie als Asthma festigen soll (Ärzte Zeitung online, 29.06.2006). Folglich wird fast durchgehend eine grundsätzliche Beseitigung des Neophyten gefordert.

Ambrosia artemisiifolia

Ambrosie

Tatsächlich ist die Zahl der Ambrosien-Allergiker in Deutschland jedoch nicht bekannt und es liegen keine Daten vor, die belegen, dass die Zahl Erkrankter in den letzten Jahren zugenommen habe. Anja Schwalfenberg vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) hält ihre Zahl nach bisherigen Informationen für „ganz bestimmt sehr gering“, eine Studie des Deutschen Polleninformationsdienstes hierzu läuft momentan noch (www.wdr.de, 15.07.2006). Sicherlich kontraproduktiv für eine Versachlichung der Thematik sind Aussagen wie „Vom Klimawandel begünstigt, vermehrt sich die Ambrosie explosionsartig“. Denn davon kann derzeit zumindest in Nordwestdeutschland keine Rede sein. Weiterhin ist nicht „der Beifuß im Anmarsch“, wenn auch der Pollen ähnlich ist und Beifußpollen-Allergiker auf Ambrosienpollen entsprechend reagieren sollen.

Artemisia vulgaris

Beifuß

Da der einheimische Gewöhnliche Beifuß (Artemisia vulgaris) und die Beifuß-Ambrosie nahezu zeitgleich blühen, sollte man sich davor hüten, in der Ambrosie einen Sündenbock gefunden zu haben. Die hier auftretenden Pollenallergiebeschwerden werden mit Sicherheit vom überall häufig vorkommenden Beifuß ausgelöst. Damit ist allerdings schon ein weiteres Problem angeschnitten: Wie soll man mit den zahlreich vorkommenden einheimischen Pflanzenarten umgehen, die Pollenallergien auslösen? Würde man konsequent die Forderung nach einer Beseitigung des allergenen Neubürgers weiterdenken, kämen vielleicht irgendwann die heimischen Arten auf die Liste zur Bekämpfung?!
„Allergie-Aggressor“-, „Horror-Kraut“- und „Killer-Pollen“-Warnungen mancher Medien werden auch von einigen Allergie-Experten wie Anja Schwalfenberg kritisch gesehen und für überzogen gehalten. Auf der anderen Seite vermisst man mitunter selbst auf wissenschaftlich und naturschutzfachlich ausgerichteten Informationsseiten die kritisch-erörternde Distanz. Zahlreiche Berichte in der Tagespresse und im Fernsehen haben jedenfalls die Suche nach der Art verstärkt, so dass man von den vermehrten Meldungen, die in den letzten Wochen in der BSWR aus ganz Nordrhein-Westfalen eingegangen sind, nicht auf ein verstärktes Auftreten der Art schließen darf. Unstreitig ist, dass sie in Teilen Südeuropas sowie regional im südlichen Mittel- und Osteuropa inzwischen eingebürgert ist und auch bestandsbildend auftreten kann. Ausgedehntere Vorkommen in Deutschland existieren zur Zeit in Süd- und Südostdeutschland (siehe www.ambrosiainfo.de). Die extrem hohen Temperaturen im Juli haben vielfach einen Wachstumsschub bewirkt, so dass diese vielleicht sonst nicht weiter beachteten Pflanzen teilweise und ausnahmsweise sehr kräftig geworden sind.

Artemisia vulgaris

Beifuß

Hilfreich bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob sich die Ambrosie hierzulande ausbreitet oder nicht, ist sicherlich ein Blick auf die Geschichte des Auftretens der Art im Ruhrgebiet und angrenzenden Bereichen. Nachgewiesen wurde sie zuerst im mittleren und östlichen Ruhrgebiet (um 1880: Essen-Eiberg, Bochum, Witten, Dortmund-Kruckel; sämtlich unbeständig). Einige Jahrzehnte später schreibt die „Flora des Westfälisch-Rheinischen Industriegebietes“ (Höppner & Preuß 1926): „Bei uns nur selten mit Wolle, so bei Kettwig, häufiger und mitunter in größerer Zahl mit amerikanischem Getreide, so in den Rheinhäfen eingeschleppt. Selten in Kleefeldern (amerikanische Saat), so bei Lünen“. In den niederrheinischen Häfen wurde sie oft mit Getreide, seltener mit Ölfrucht eingeschleppt, u. a. in den Häfen Duisburg (1922, 1927) und Duisburg-Homberg (1917). Selten trat sie auf Güterbahnhöfen (Mülheim-Saarn 1927, Essen-Segeroth 1928) und an Mühlenwerken (Essen-Borbeck 1919) auf. Auf den Mülldeponien (z. B. Dortmund-Huckarde) wurde schon zeitig die Einschleppung mit Vogelfutter angenommen (bei Scheuermann 1941, Die Pflanzen des Vogelfutters). Alle Vorkommen erwiesen sich als unbeständig!

Zudem ist die Beifuß-Ambrosie (Ambrosia artemisiifolia) im jungen Zustand schwer von der nahe verwandten, äußerst selten unbeständig eingeschleppten Ausdauernden Ambrosie (Ambrosia psilostachya) zu unterscheiden, die weniger stark gefiederte Blätter aufweist. Abbildungen zur Ausdauernden Ambrosie finden Sie auf auf dieser Seite des Naturhistoriska riksmuseet, Stockholm.

Aktuell findet sich die Ambrosie im Ruhrgebiet nur einzeln aus Vogelfutter verwildernd, mehrfach in Gärten, in denen Vogelfutter ausgestreut wurde oder verschleppt, fast immer unbeständig. Sonst ist sie meist einzeln und unbeständig auf Mülldeponien und Ruderalstellen (Schutthaufen u. ä.) auftretend, hierhin wohl auch überwiegend mit Vogelfutter verschleppt. Im Hafen von Hamm in größerer Zahl im Jahre 2000, heute jedoch nur noch vereinzelt und wahrscheinlich stets von neuem eingeschleppt. (Details zum Vorkommen der Art im Ruhrgebiet werden demnächst in einem Aufsatz in den Floristischen Rundbriefen (Bochum) veröffentlicht).
Vorkommen aus den letzten Jahren im BSWR-Vereinsgebiet und angrenzend: Duisburg-Mülheimer Wald, kleiner Bestand 2003 (R. Fuchs); MH-Heißen, mehrere Exemplare in einem Garten 2006 (Hinweis Dr. W. Kricke); MH, Nähe Hauptbahnhof, 1 kleines, ca. 15 cm hohes Exemplar, wahrscheinlich aus Futter für Tauben 2006 (R. Fuchs & P. Keil); DU-Neudorf, ein Exemplar in einem Garten 2006 (Hinweis M. Gründer); Essen, Frohnhauser Markt, kleine Gruppe 1996 (P. Keil); Essen-Überruhr spärlich 2002 (D. Büscher, P. Keil & G. H. Loos); Herne, Landschaftspark Pluto, spärlich 2006 (P. Gausmann); 2006 auch jeweils in einem Garten in Tönisvorst, Kamp-Lintfort und Hilden (Mitteilungen von Fr. Koslowski, E. Liedtke und U. Steckel).

Ambrosia artemisiifolia

Ambrosienbestand vor einer Staudenflur mit Beifuß

Die Auswertung der Fundangaben zeigt jedenfalls: Es handelt sich fast immer und nach wie vor um kurzlebige, vorübergehende Vorkommen – meist sind diese Vorkommen sehr klein. Wenn sie allerdings größer ausfallen, sind sie trotzdem nicht beständiger. Eine Ausbreitung im Ruhrgebiet ist nicht zu erkennen. Vielmehr scheint sich an ihrem Einbürgerungsstatus seit den ersten Nachweisen nicht viel verändert zu haben. Umso mehr erscheint es wichtig, in dieser Thematik ganz sachlich zu bleiben und pauschale Vorurteile gegen Ambrosia artemisiifolia, einen interessanten Vogelfutterbegleiter, zu vermeiden.
Die Verwechslungsgefahr, vor allem im nicht blühenden Zustand, mit heimischen Beifußgewächsen, ist zu groß. Zudem ist das Entfernen in Schutzgebieten nach dem Landschaftsgesetz NRW nicht zulässig.

Wir raten deshalb dringend davon ab, Ambrosia-Pflanzen außerhalb des eigenen Privatgrundstücks zu entfernen.
Über Meldungen weiterer Vorkommen der Ambrosie im Vereinsgebiet und darüber hinaus würden wir uns sehr freuen.
Bei Fragen oder Bestimmungsproblemen rufen Sie uns an (0208-4686090) oder senden Sie uns eine E-Mail.

Ambrosia artemisiifolia, Beifußblättrige Ambrosie Artemisia vulgaris, Gewöhnlicher Beifuß

Letzte Änderung am Dienstag, 29. August 2017 um 18:04:32 Uhr.

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