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Lysichiton americanus Hultén & St. John

Scheincalla in Duisburg und Mülheim an der Ruhr*

Die Gelbe Scheincalla, auch Amerikanischer Riesenaronstab (Lysichiton americanus Hultén & St. John; Araceae) genannt, ist eine auffällige Gartenstaude mit bis zu 1,5 m langen Blättern und einer kräftig gelben Spatha, die ursprünglich aus dem westlichen Nordamerika (Alaska bis Kalifornien) stammt (Walters et al. 1984) und in Mitteleuropa schon seit langem in Gärten und Parkanlagen, vorwiegend an Teichufern, kultiviert wird (so im Botanischen Garten der Ruhr-Universität Bochum). In ihrem ursprünglichen Areal besiedelt die Sippe Ufer von Stillgewässern und Moorgebiete.

Lysichiton americanus Hultén & St. John (Araceae)

Lysichiton americanus Hultén & St. John (Araceae)

Hinter der in der Literatur ebenfalls zu findenden Bezeichnung Stinktierkohl (engl.: Skunk cabbage) verbergen sich allerdings zwei weitere Araceen: der nordamerikanische Symplocarpus foetidus (L.) Nutt., mit einem aufdringlichen Geruch und einer braunroten bis gelblichgrünen, dick-bauchig und plötzlich zugespitzten, an eine Muschel erinnernden Spatha, sowie der asiatische Lysichiton camtschatcensis (L.) Schott mit einer weißen Spatha, die somit nicht mit Lysichiton americanus zu verwechseln sind (Stace 1991, Strausbaugh & Core 1993; zu weiteren nomenklatorischen Problemen siehe Alberternst & Nawrath 2002).

Aus Deutschland ist Lysichiton americanus bislang lediglich seit Anfang der 1980er Jahre aus dem Taunus bekannt, wo die Art in Quellbereichen und bachbegleitenden Auwäldern an mehreren Stellen von einem Gärtner angepflanzt wurde und sich ausgebreitet hat (Korneck & Krause 1990, König & Nawrath 1992, Nawrath 1995, Alberternst & Nawrath 2002). Aus dem europäischen Ausland werden Verwilderungen aus Großbritannien (Stace 1991, Clement & Foster 1994) und Nordirland (Doyle & Duckett 1985) genannt. Trond Baugen (schriftl. Mitt. 6/2002) berichtet von einem großen Vorkommen in Tromøya bei Arendal in Norwegen, wo die Sippe bereits vor Jahren von einen Schiffsmann aus Amerika mitgebracht wurde; mittlerweile ist die Population hier auf über 100 Individuen angewachsen (s. auch Baugen 2002). Im Folgenden wird über verwilderte Vorkommen im Duisburg-Mülheimer Wald (westliches Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen) berichtet.

Ergebnisse

Lysichiton Standort Nr. 15

Im Rahmen von Geländeuntersuchungen zur Vegetation der Feuchtwälder des Duisburg-Mülheimer Waldes wurden im Frühjahr 2002 an zwei Bachläufen mehrere Individuen von Lysichiton americanus entdeckt. 14 Einzelpflanzen siedeln jeweils mehrere zehn Meter voneinander entfernt in einem naturnahen Auwald in Mülheim-Saarn (TK 4607/11). Die Pflanzen finden sich unmittelbar im Uferbereich des Schengerholzbaches, etwa auf Höhe des Mittelwasserstandes. Zum Beobachtungszeitpunkt führte der Bach leichtes Hochwasser, so dass einige Individuen überflutet waren. Die bachbegleitenden Auwaldgesellschaften bilden ein nicht deutlich trennbares Vegetationsmosaik aus dem Pruno-Fraxinetum Oberd. 1953 und dem Stellario holosteae-Carpinetum betuli Oberd. 1957, im lokalen Kontakt mit Elementen des Carici elongatae-Alnetum glutinosae W. Koch 1926 ex R. Tx. 1931. Bemerkenswerte Pflanzenarten im direkten Umfeld der Vorkommen sind z. B. Osmunda regalis, Blechnum spicant und Phegopteris connectilis, Scapania undulata sowie im Bachlauf Potamogeton polygonifolius.

Drei weitere Individuen wurden im Uferbereich des Bühlsbaches gefunden (TK 4507/33). Dieser Bachabschnitt beinhaltet einen durch mehrere Ergasiophygophten geprägten, dem Stellario holosteae-Carpinetum betuli Oberd. 1957 zugehörigen Auenwald. Auffällig sind hier neben Garten-Verwilderungen von Luzula sylvatica und Carex pendula große Bestände von Fallopia japonica. Trotzdem findet sich mit Anemone nemorosa, Stellaria holostea, Impatiens noli-tangere, Milium effusum, Circaea lutetiana und Carex remota noch das typische und charakteristische Artenspektrum des Eichen-Hainbuchenwaldes.

Bereits 1980 wurde von R. Düll (mündl. Mitt.) ein verwildertes Vorkommen der Sippe im direkten Umfeld des ehem. Ausflugslokals und Waldhotels „Wolfsburg“ (heute katholische Akademie) im Duisburger Stadtwald (TK 4506/42) bemerkt, dem jedoch aufgrund der anscheinenden „Gartennähe“ keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde und schließlich auch nicht in der „Punktkartenflora von Duisburg und Umgebung“ (Düll & Kutzelnigg 1987) Erwähnung fand. Bei der Nachsuche im Frühjahr 2002 stellte sich nun heraus, dass die Pflanzen heute noch existieren. Die hochwüchsigen, vitalen und offensichtlich auch fertilen Exemplare konnten in einem Quelltopf zusammen mit Equisetum sylvaticum und Sphagnum auriculatum var. auriculatum, Pellia epiphylla sowie einem kleinen Bestand von Fallopia ´bohemica aufgefunden werden. Anscheinend ist dieses über zwanzigjährige Vorkommen nicht sonderlich expansiv, da keine weiteren Individuen bachabwärts nachgewiesen werden konnten.

Diskussion

Die Herkunft und der Zeitpunkt des Auftretens der Pflanzen bleiben unklar. Ein aktives Einbringen ist eher unwahrscheinlich, jedoch im Bereich der „Wolfsburg“ nicht ausgeschlossen. Weitere augenscheinlich aus Gartenauswurf resultierende Sippen wie Yucca filamentosa und Vinca minor im unmittelbaren Umfeld legen jedoch den Verdacht nahe, dass auch das Lysichiton-Vorkommen offensichtlich aus dem Ausbringen von Gartenabfällen hervorgeht. Die beiden übrigen Wuchsorte stammen ebenso vermutlich aus Gartenauswurf, wahrscheinlich aus dem Oberlauf des Schengerholzbaches, wo der Bach mehrere hundert Meter durch Gartengrundstücke verläuft und Rhizomstücke oder Samen leicht weiter bachabwärts bis zu den vorgefundenen Stellen angeschwemmt werden können. Zwischen Schengerholzbach und Bühlsbach existiert ein „Überlauf“, so dass die Vorkommen am Bühlsbach offensichtlich derselben Quelle entstammen. Die Pflanzen sind allesamt vital (und z. T. recht großwüchsig), eines der 14 vorgefundenen Exemplare konnte blühend angetroffen werden. Offensichtlich handelt es sich bei einigen Individuen bereits um "ältere" Pflanzen.

Für Lysichiton americanus wird der Verdacht geäußert, sich als invasives, gebietsfremdes Taxon in naturnahe Lebensräume agriophytisch (kulturunabhängig) einzunischen (s. Alberternst & Nawrath 2002). Durch ihren kräftigen Wuchs mit beobachteten über 1 m langen Blättern scheint die Art an den hier beschriebenen Wuchsorten gegenüber indigene Taxa quasi konkurrenzlos zu sein. Ob es an den Wuchsorten im Duisburg-Mülheimer Wald zur Verdrängung seltener und gefährdeter Sippen (siehe oben) und daher aus naturschutzfachlicher Sicht zu Konflikten kommt, bleibt abzuwarten. Aus geobotanischer Sicht sind diese Vorkommen innerhalb eines naturnahen Auwaldes jedoch insofern interessant, als es in Mitteleuropa nur wenige gebietsfremde krautige Sippen geschafft haben, sich in solchen Waldgesellschaften dauerhaft zu etablieren (Lohmeyer & Sukopp 1992). Für den Mülheimer Wald sind hier als instruktive Beispiele insbesondere Impatiens parviflora, Lamium argentatum und Fallopia sachalinensis, neuerdings auch Impatiens glandulifera zu nennen.

Die im Duisburg-Mülheimer Wald registrierten Wuchsorte von Lysichiton americanus weisen eine auffällige floristische und vegetationskundliche Ähnlichkeit mit denen im Taunus auf. Insbesondere das Vorkommen in Quellmooren mit Sphagnum-Sippen, Pellia epiphylla, Mnium hornum und Equisetum sylvaticum (s. Korneck & Krause 1990) scheint charakteristisch zu sein, wenn auch in Duisburg aus pflanzengeographischen Gründen einige kollin bis montan verbreitete Sippen fehlen. Auch die von Alberternst & Nawrath (2002) untersuchten Bachauenwälder mit Lysichiton-Vorkommen weisen floristische Gemeinsamkeiten auf (schriftl. Mitt. B. Alberternst 6/2002). Offensichtlich geht die Ausbreitung und die erfolgreiche Einbürgerung der Art im Taunus und im Duisburg-Mülheimer Wald von physiognomisch vergleichbaren Wuchsorten aus.

Erstaunlicherweise wird Lysichiton americanus als invasives Taxon auf der Liste der 30 zur Bekämpfung empfohlenen gebietsfremden Arten in Deutschland geführt (Kowarik 2001). Ob Maßnahmen zur Entfernung der Vorkommen in Duisburg und Mülheim an der Ruhr aus naturschutzfachlicher Sicht tatsächlich notwendig sind, bleibt jedoch derzeit offen. Der Bestand im Bereich der „Wolfsburg“ scheint aufgrund seiner kleinen und wohl seit über 20 Jahren nicht expansiven Population unproblematisch zu sein. Im Bereich des Schengerholzbaches wird sich erst in den folgenden Jahren zeigen, ob die Sippe sich weiter ausbreiten und tatsächlich im Konkurrenzverhalten eine Gefahr für indigene Taxa werden kann. Im Falle der Vorkommen am Bühlsbach und im Bereich „Wolfsburg“ bleibt zudem abzuwarten, ob sich Lysichiton americanus überhaupt erfolgreich gegenüber Fallopia japonica bzw. F. ×bohemica behaupten wird.

Literatur

Alberternst, B. & Nawrath, S. (2002): Lysichiton americanus neu in Kontinental-Europa – bestehen Chancen für die Bekämpfung in der Frühphase der Einbürgerung? – Neobiota 1: 91-100.
Braun-Blanquet, J. (1964): Pflanzensoziologie. 3. Aufl. – Wien, New York.
Burckhardt, H. (1966): Der Wald vor Mülheims Toren. – Mülheimer Jahrbuch 1966: 38-68.
Burckhardt, H. (1968): Der Mülheimer - Duisburger Wald. Böden und Vegetation. – Natur und Landschaft im Ruhrgebiet 4: 68-94.
Clement, E. J. & Foster, M. C. (1994): Alien Plants of the British Isles. – Botanical Society of the British Isles, London. 590 p.
Daniels, R. E. & Eddy, A. (1990): Handbook of European Sphagna. – Natural Environment Research Council, London, HMSO. 263 p.
Dinter, W. (1999): Naturräumliche Gliederung. – LÖBF-Schr.R. 17: 29-36.
Düll, R. & Kutzelnigg, H. (1987): Punktkartenflora von Duisburg und Umgebung. 2. Aufl. – IDH-Verlag, Rheurdt. 378 S.
Doyle, G. J. & Duckett, J. G. (1985). The occurrence of Lysichiton americanus Hultén & St. John on Woodfield Bog, County Offaly (H18). – Irish Naturalists' Journal 21, 536-538.
Keil, P. & Berg, T. vom (1999): Seltene und bemerkenswerte Farn- und Blütenpflanzen in Mülheim an der Ruhr. – Jahrbuch Mülheim an der Ruhr 55 (2000): 215-227.
König, A. & Nawrath, S. (1992): Lysichiton americanus Hultén & St. John (Araceae) im Hochtaunus. – Botanik u. Natursch. Hessen 6: 103-107.
Korneck, D. & Krause, A. (1990): Lysichiton americanus Hultén & St. John (Araceae), ein Neubürger im Hochtaunus. – Hessische Floristische Briefe 39 (4): 53-56.
Kowarik, I. (2001): Plant invasions in Germany. – In: Kowarik, I. & Starfinger, U. (Eds.): Biological Invasions in Germany. A Challenge to Act? – BfN Scripten 32, Bonn, pp. 19-20.
Lohmeyer, W. & Sukopp, H. (1992): Agriophyten in der Vegetation Mitteleuropas. – Schr.-R. f. Vegetationskde. 25: 185 S.
Nawrath, S. (1995): Feuchtgebiete der Umgebung von Bad Homburg vor der Höhe. Floristische und vegetationskundliche Untersuchungen unter besonderer Berücksichtigung der Feuchtwiesen. – Botanik und Naturschutz in Hessen. Beiheft 7: 168 S.
Paffen, K., Schüttler, A. & Müller-Miny, H. (1963): Die Naturräumlichen Einheiten auf Blatt 108/109 Düsseldorf-Erkelenz. - Geographische Landesaufnahme 1 : 200.000. Naturräumliche Gliederung Deutschlands. Bad Godesberg. 55 S.
Pott, R. (1995): Die Pflanzengesellschaften Deutschlands. 2. Aufl. – Ulmer/UTB, Stuttgart. 622 S.
Reichelt, G. & Wilmanns, O. (1973): Vegetationsgeographie. – Westermann, Braunschweig. 210 S.
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Strausbaugh, P.D. & Core, E.L. (1993): Flora of West Virginia. 2. ed. – Seneca Books, Inc., Morgantown, West Virginia. 1079 p.
Stace, C. (1991): New Flora of the British Isles. – Cambridge University Press, Cambridge. 1226 p.
Wisskirchen, R. & Haeupler, H. (1998): Standardliste der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. Bundesamt für Naturschutz (Hrsg.). – Eugen Ulmer, Ulm. 765 S.
Walters, S. M., Brady, A., Brickell, C. D., Cullen, J., Green, P.S., Lewis, J., Matthews, V. A., Webb, D. A., Yeo, P. F. & Alexander, J. C. M. [Ed.] (1984): The European Garden Flora. Vol. II. Monocotyledons (Part II). – Cambridge, London, New York, New Rochelle, Melbourne, Sydney. 318 p.

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* Verändert nach:
Fuchs, R., Kutznigg, H., Feige, B. & Keil, P. (2003): Verwilderte Vorkommen von Lysichiton americanus Hultén & H. John (Araceae) in Duisburg und Mülheim an der Ruhr – Tuexenia 23: 373-379.

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Letzte Änderung am Mittwoch, 12. Juli 2017 um 08:44:54 Uhr.

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